Cardi B & Co. – Sex Sells oder sexuelle Befreiung?

Von Sani Meier

Einer der erfolgreichsten Hip-Hop-Songs im Jahre 2020 war auch einer der am meist diskutierten, sodass, als letzten August “WAP” (“Wet Ass Pussy“) von Cardi B & Megan Thee Stallion erschien, die Welt der Popkultur kurz stillstand. Während der Song in sozialen Medien wie TikTok direkt viral ging und sich wochenlang an der Spitze der internationalen Charts hielt, löste die explizite, sexpositive (= Bejahung einvernehmlicher Sexualität in all ihren Formen) Message innerhalb der Hiphop-Szene und der US-amerikanischen Politik eine hitzige Debatte aus. Gestritten wird darüber, ab wann offene, weibliche Sexualität vulgär und moralisch verwerflich ist. Wir gehen in diesem Artikel der Frage nach, warum diese Thematik überhaupt so kontrovers ist und welche Perspektiven Künstlerinnen wie Cardi B & Co. für eine befreite Sexualität von Frauen bieten.

„WAP“ ist sicherlich nicht der erste Song seiner Art, sondern steht in einer Tradition sexpositiven weiblichen Hiphops von Künstlerinnen wie u.a. Lil Kim, Missy Elliott, Trina oder Nicky Minaj. Ihre Songs stehen dafür, dass Frauen Sex haben können, wann und wie sie wollen und dabei ihr eigenes Vergnügen im Zentrum steht. Eine Perspektive, die in unserer patriarchalen Gesellschaft üblicherweise tabuisiert und beschämt wird, vor allem wenn sie von Frauen selbst aufgeworfen und gelebt wird. Das wird vor allem daran deutlich, dass männliche Künstler völlig ungehemmt über ihre Sexualität reden können, selbst wenn ihre Inhalte dabei Gewalt gegen Frauen verherrlichen. Deutschrapper wie die „187 Straßenbande“ beispielsweise sprechen in ihren Texten davon, Frauen mit K.O.-Tropfen zu betäuben, um sie später zu vergewaltigen und werden dafür höchstens aus feministischen Kreisen kritisiert. Währenddessen brechen sie Spotify-Rekorde und profitieren somit materiell von der sexuellen Unterdrückung von Frauen. Es macht also offensichtlich einen Unterschied, wer über Sexualität sprechen darf- Warum ist das so?

Weibliche Sexualität wird in unserer Gesellschaft stark reglementiert und unsichtbar gemacht. Um zu verstehen, warum das so ist und wer davon profitiert, müssen wir zu den Ursprüngen des Patriarchats zurückgehen. Kurz zusammengefasst lässt sich historisch eine gesellschaftliche Ungleichbehandlung von Frauen ab dem Zeitpunkt nachweisen, an dem Menschen anfingen, sesshaft zu werden und Privateigentum zu besitzen. Ab diesem Zeitpunkt spielte also auch die Vererbung genau dieses Eigentums eine wichtige Rolle und dies geschah meist über die Erblinie des Vaters. Um eine korrekte Vererbung zu gewährleisten, musste also eindeutig nachweisbar sein, welche Kinder zu welchem Vater gehörten. Ohne moderne Techniken der Vaterschaftstests oder ähnlichem bedeutete dies die Einführung der Monogamie- für Frauen. Nur wenn es sicher war, dass Frauen nur mit ihren Männern Sex hatten, war eine Vaterschaft eindeutig nachweisbar. Was ihre Männer währenddessen machten, wurde erst deutlich später relevant. Es gab also eine materielle Notwendigkeit dafür, dass Frauen ihre Sexualität nicht mehr frei auslebten, sondern einzig auf ihren Partner oder Ehemann beschränkten. Dass ihre Bedürfnisse möglicherweise ganz andere waren, musste negiert und unterdrückt werden. Die Auswirkungen dessen spüren wir noch heute: Weibliche Körper werden von klein auf durch Politik, Gesetze und kulturelle oder religiöse Vorstellungen fremdbestimmt. Frauen wird anerzogen, sich für ihre Sexualität und Körper zu schämen, ihre „Reize“ zu zügeln. Abweichendes Verhalten wird moralisch abgewertet, was sich unter anderem daran zeigt, dass ein Großteil aller sexistischen Beleidigungen für Frauen auf ihre ungehemmte Sexualität abzielt. Diese Vorstellungen sind oft so verinnerlicht, dass sich Frauen dahingehend selbst und gegenseitig überwachen.

Aber nicht nur vor einigen Jahrtausenden, sondern auch heute noch ist genau diese Kontrolle im Interesse des kapitalistischen Systems: Indem aus Frauen sexuell passive Wesen gemacht werden, lassen sie sich besser kontrollieren und fügen sich einfacher in ihre zugeteilte gesellschaftliche Funktion der Reproduktion ein. Im Rahmen der bürgerlichen Kleinfamilie sollen sie im besten Fall möglichst viele Kinder kriegen und Fürsorge für andere leisten. Für sexuelle Selbstverwirklichung bleibt da kein Platz. Sex wird als Aktivität erlebt, die den eigenen Körper zwar involviert, aber dem eigenen Vergnügen wenig bis keinen Stellenwert einräumt. An der aktuellen Kontroverse zeigen sich zusätzlich auch rassistische Aspekte, denn vor allem schwarze Frauen sind stark eingeschränkt in den Möglichkeiten ihrer sexuellen Selbstbestimmung. Besonders ihre Darstellung in pornographischen Filmen hat einen Stereotyp der „ungezügelten & wilden schwarzen Sexualität“ erschaffen, den es zu „zähmen“ gelte.

Vor diesem Hintergrund ist es also nicht mehr überraschend, dass Künstlerinnen wie Cardi B & Megan Thee Stallion vor allem in Zeiten von Krise und sexistischen Rollbacks Wut ernten, denn ihre Texte fordern die Kontrolle über sexuelle Narrative und ihre Körper zurück. Dies ist ein großer Fortschritt hinsichtlich der Frage, wer über weibliche Sexualität sprechen und von ihr profitieren darf, allerdings muss es bis zu einem bestimmten Punkt auch als das bewertet werden, was es ist: Ein Produkt auf dem kapitalistischen Markt, welches möglichst viel Profit einbringen muss. So ist es zwar sicherlich relevant, dass die Künstlerinnen zwei Women of Colour sind, die ihre Sexualität und Körper in ihrer Musik thematisieren, anstelle von männlichen Künstlern, die diese Themen lediglich für ihren Profit nutzen, indem Frauen als Accessoires in ihren Musikvideos auftauchen. Allerdings stehen auch sie unter dem Druck, sich selbst möglichst erfolgreich zu vermarkten, was in unserer Gesellschaft leider am effektivsten über „sex sells“ funktioniert. Der Text ist auch ziemlich auf sexuelle und Schönheitsklischees der bürgerlichen Gesellschaft ausgelegt (Frauen mit enger Scheide, und Männer mit großem Penis), und so dürfte ihr Erfolg auch zum Teil durch die damit erreichte Provokation zu erklären sein. Wie bereits vorher ausgeführt, liegt der Ursprung der sexuellen Unterdrückung der Frau im Kapitalismus selbst und kann deshalb auch nur im Kampf gegen diesen überwunden werden. Empowernde Texte können diesen vielleicht unterstützen, indem sie das Bewusstsein der Konsument_Innen beeinflussen, sie können ihn aber nicht ersetzen. Im Gegenteil kann es bei sehr sexistisch eingestellten Menschen und insbesondere mackerhaften Männern, auch zu einer vermehrten Ablehnung oder noch vermehrten Objektivierung des weiblichen Körpers führen, während es insbesondere Frauen natürlich auch ermutigen kann. Dennoch wird es die sexistische Unterdrückung nicht beenden, weil es ihre Ursache nicht angreift. Es braucht also eine revolutionäre Perspektive, die die materielle Grundlage dieser Gesellschaft als Ganzes verändert und nicht nur die Musik, die höchstens die Reproduktion dieser verhindern kann.

Trotzdem lassen sich einige positive Effekte festhalten: So ist das klare Aussprechen sexueller Wünsche auch ein wichtiger Bestandteil von sexuellem Konsens und Texte, dies das thematisieren, könnten dabei helfen, einen offenen Umgang damit zu normalisieren. Wenn du noch mehr zum Thema Konsens wissen willst, haben wir in dieser Zeitung auch einen ganzen Artikel dazu geschrieben:„Let’s talk about Sex: über Konsens reden – Aber wie?“. Weiterhin brechen sie mit dem Anspruch, dass alle von der Sexualität von Frauen profitieren können, außer sie selbst und machen weibliche Perspektiven, Wünsche und Fantasien sichtbar. In einer Gesellschaft, in der sich sexuelle Medien wie Musik und Pornographie vor allem an ein männliches Publikum richten, bieten sie Identifikationsfläche für viele junge Frauen und erschaffen Narrative, in denen sie nicht nur passive Teilnehmerinnen sind, sondern selbst aktiv ihre Lust in den Fokus stellen.

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