Neujahrsfest in Kurdistan – ein Bericht von Newroz in Diyarbakir

Dies ist ein persönlicher Bericht über das Newroz-Fest in Diyarbakir im März 2015. Eine Genossin schildert darin ihre Eindrücke. Selbstverständlich sind wir um Objektivität bemüht, bitten jedoch um Nachsicht, falls Schlussfolgerungen aus subjektiver Wahrnehmung resultiert sind.

Am frühen Freitagmorgen machen wir uns vom Taksim-Platz in Istanbul auf den Weg Richtung Flughafen. Wir fahren mit dem Shuttle-Bus auf die asiatische Seite, voller Vorfreude hoffen wir, dass es keinen Stau auf der Bosporus-Brücke gibt. An der Sicherheitskontrolle scherzt mein Kumpel Ciwan noch, dass nur die Deutsche piept, eindeutiger Terrorismusverdacht. Wir treffen dort Freunde von ihm, die das gleiche Ziel haben wie wir, die kurdische Hauptstadt Diyarbakir, oder Amed, wie es auf kurdisch heißt. Dort wird am Samstag das Neujahrsfest Newroz statt finden, welches vor allem für die KurdInnen in dieser Region eine große Bedeutung hat. Mehrere Millionen Menschen werden erwartet, um den Frühlingsbeginn zu feiern, die Familie wieder zu sehen und sich auf seine kurdische Identität zu besinnen. Denn Newroz ist mehr als nur ein Festival, auf dem Halay, der traditionelle kurdische Tanz, getanzt wird. Die aktuelle Bedrohung der KurdInnen, zum einen militärisch durch den Islamischen Staat, vorallem in syrisch-Kurdistan, aber auch die staatliche Unterdrückung in der Türkei, die KurdInnen sozial benachteiligt, übt einen starken Druck auf die kurdische Gemeinschaft aus. Vor allem die Bewahrung der Sprache spielt eine zentrale Rolle. Oft diskutieren meine Freunde darüber, wie sie ihre eigenen Kurdischkenntnisse verbessern können, während im Alltag komplett auf türkisch kommuniziert wird und wie sie ihren Kindern später einmal erklären sollten, dass sie die Sprache ihres Volkes nicht perfekt beherrschen.

Als wir in Diyarbakir ankommen, holt uns Ciwans Freundin Jiyan vom winzigen Flughafen ab. Dort ist heute aber die Hölle los, klar, bei so viel Besuch in der sonst ruhigen Stadt. Den Nachmittag verbringen wir in einem kleinen linken Café im Stadtzentrum, trinken Cay, spielen Backgammon und im Hintergrund läuft kurdische Musik, in der die Heldentaten der PKK, der kurdischen Arbeiterpartei, besungen werden. Am Abend müssen wir den guten Wein aus der Stadt probieren und mit jedem Glas verbessern sich meine Halaytechniken. Der Tanz hat viele verschiedene Variationen, jedoch tanzt man ihn immer im Kreis, fässt sich an den Händen an und macht Schritte in verschiedenen Geschwindigkeiten. Schon an diesem Abend fühle ich mich aufgenommen in einer Gemeinschaft, die sich freut, mir ihre Traditionen zu erklären, und ich ärgere mich immer mehr über die Unterhaltung, die ich einige Tage zuvor in Istanbul mit einem Bekannten hatte, der meinte, das dort im Osten, das sei keine Zivilisation und wenn ich nicht lebend zurück kommen würde, dann hoffe er, ich hätte bis dahin ein schönes Leben gehabt. Mir kommt der Abend alles andere als gefährlich vor, bis wir das Kulturzentrum verlassen, das in einem ganz alten Gebäude eingerichtet wurde, welches einer kleinen Burg ähnelt. In den kleinen Seitenstraßen haben Jugendliche Feuer angezündet und Jiyan rennt mit uns durch die Gassen zur Hauptstraße, wo wir in ein Taxi springen. Sie erklärt, sobald es dunkel ist, beginnt die Polizei Leute festzunehmen und anzugreifen, weshalb wir sehr vorsichtig sein müssen. Bis zu diesem Moment hatte ich fast vergessen, wo ich war, und freute mich nur über das große Fest.

Am nächsten Tag also war es dann soweit. Schon am frühen Morgen fahren Autos mit Lautsprechern durch die Stadt, die laute kurdische Musik spielen um die Leute aufzuwecken und zum großen Festplatz einzuladen. An unserer Straßenecke wartet ein Bus auf uns und wir bekommen gerade noch die letzten Plätze. Draußen spielen zwei Mädchen auf der Straße, die uns freudig winken und laut rufen „Biji Serok Apo!“ (Es lebe der Führer, Abdullah Öcalan). Jeder im Bus hat ein Accessoire in den kurdischen Farben, gelb-rot-grün, die Männer meistens Tücher um den Arm, die Frauen bunte Bänder in den Haaren. Weit kommen wir mit dem Bus jedoch nicht, da die Straßen alle blockiert sind. Wie bei einer Völkerwanderung sind alle auf den Beinen und marschieren in Richtung des großen Platzes, auf dem eine riesige Bühne aufgebaut ist und über mehrere Bildschirme und Lautsprecher das Programm des Tages übertragen wird. Auf dem Weg wird an jeder Ecke etwas in kurdischen Farben verkauft, Fahnen, Spruchbänder und bunte Kordeln. Das beste Geschäft macht man jedoch an diesem Tag mit Regenschirmen. Über den matschigen Boden folgen wir den Massen und kommen zur ersten Sicherheitskontrolle, und zwar der von der türkischen Polizei. So richtig ernst nimmt die aber niemand, es wird eher spöttisch gelacht und so richtig kontrolliert wird auch niemand. Einige hundert Meter danach kommen wir dann zur kurdischen Kontrolle, erkennbar an den Sicherheitswesten mit der Aufschrift „Freiheit für Abdullah Öcalan“. Auch hier werden wir eigentlich nur begrüßt und durchgewunken. Auf die Frage, ob man denn keine Anschläge von Islamisten befürchte, antwortet Ciwan nur, ausgeschlossen sei es nicht, aber man will sich auch nicht unnötig die Party verderben lassen.

Wir stehen auf einem Hügel und schauen über die Köpfe von Millionen von Menschen und das Fahnenmeer, dass viele Abdullah Öcalan Portraits zeigt, aber auch die Fahnen der YPG, der PKK oder der autonomen kurdischen Region im Nordirak werden geschwenkt. Uns weht der Rauch des riesigen Feuers ins Gesicht, welches ebenfalls eine Newroz-Tradition ist. Laut ertönt die Stimme von Asya Abdullah, der Co-Vorsitzenden der Partei der Demokratischen Union aus Rojava (YPG) von der Bühne. Leider verstehe ich nicht viel von ihrer Rede, aber aus der Übersetzung entnehme ich, dass sie betont, dass die Befreiung Kurdistans nicht ohne die Befreiung der Frauen stattfinden wird.

Es regnet und regnet, der Boden wird immer rutschiger und ich bin nicht sicher, worauf wir eigentlich warten. Als ich nachfrage, sagt Ciwan: „We are waiting for the message!“. Ach ja, die Message. Der Führer der PKK, Abdullah Öcalan, der seit mittlerweile 16 Jahren im Gefängnis sitzt, hatte eine Rede verfasst, welche dieses Jahr vom HDP-Abgeordneten Sirri Sürreya Önde verlesen wurde. Die HDP ist eine neue Partei, die zum ersten Mal kurdische Interessen im türkischen Parlament vertritt. Momentan führt sie jedoch Verhandlungen mit der türkischen AKP-Regierung, um die Beendigung des bewaffneten Kampfes der Kurden.

Plötzlich hört der Regen auf und die Sonne bricht durch die Wolken. Kurz darauf beginnt Önde, die Rede Öcalans auf kurdisch zu verlesen, danach noch einmal auf türkisch. In seinem Brief ruft Öcalan erneut dazu auf, einen kurdischen Kongress einzuberufen und über die Abgabe der Waffen zu beraten. Er betont, dass der Kampf gegen den Imperialismus von TürkInnen und KurdInnen gemeinsam geführt werden muss und lobt den Einsatz der kurdischen KämpferInnen in Rojava. Im großen und ganzen enthält die Rede keine großen Neuigkeiten, weshalb die Stimmung zwar freudig, aber nicht überschwänglich ist. Auffällig ist jedoch, dass viele der ZuhörerInnen erst beim zweiten Verlesen, also der türkischen Version, wirklich alles verstehen, und nicht schon bei der kurdischen. Nach den letzten Worten, setzt sich die Masse wieder in Gang, einige bleiben noch, um Halay zu tanzen, aber viele schließen sich der Demonstration in die Innenstadt an.

Obwohl geschätzte 3 Millionen Menschen bei dem Fest waren, sieht man einige Gesichter später im kleinen Stadtzentrum immer wieder, vor allem die anderen Ausländer. Im Gegensatz zu Istanbul werden wir nicht als kaufkräftige Touristen, sondern als interessierte Gäste wahrgenommen, denen man am liebsten alles über die kurdische Kultur zeigen und erklären möchte, was man wissen muss. An jedem Tisch, in jeder Runde findet sich ein Platz für uns, auch wenn man Stühle vom anderen Ende der Straße holt, immer wird ein Übersetzer gefunden und gerade die Jugendlichen reden liebend gerne über Politik. Als ich von unserer „Waffen für Rojava“-Kampagne berichte, ist die Freude groß und es ist auch für mich schön zu sehen, dass unsere Arbeit in den letzten Monaten nicht umsonst war. Immer wieder frage ich jeden, mit dem ich mich verständigen kann, nach der Einschätzung über die aktuelle Debatte um den „Friedensprozess“. Niemand findet es gut, dass zur Niederlegung der Waffen aufgerufen wird, jedoch stellen auch nur wenige die Hierarchie in der PKK in Frage. Abdullah Öcalan ist und bleibt der große Anführer, schließlich habe er viel gelesen, und wisse im Prinzip, was gut für das kurdische Volk sei. Ich habe den Eindruck, dass Ausreden und Erklärungen zurecht gebogen werden, zum Beispiel dass das alles gar nicht so gemeint sei, sondern man eigentlich den großen Kampf vorbereite, und dass der Personenkult um Öcalan gerechtfertigt sei, da man in der aktuellen Situation keine Zeit für große Diskussionen in der PKK habe. Eine Bekannte, die in Ankara wohnt und auch fürs Wochenende nach Diyarbakir gekommen ist, erklärt mir das Verhältnis zwischen der HDP und der PKK folgendermaßen: Die HDP sei das öffentliche Werkzeug der PKK und politisch eigentlich nicht entscheidungsfähig. Der Vorsitzende Demirtas wüsste, wie man mit Erdogan zu reden hat und wie man in den Medien auftritt, aber er sei auch nur der Empfänger von Öcalans Botschaften. In der Partei seien dennoch die Türken so wichtig, weil die Leute ihnen mehr Glauben schenken würden, als wenn sich nur die Kurden über ihre Unterdrückung beschweren. Ist Demirtas denn nicht demokratisch zum Parteivorsitzenden gewählt worden?, frage ich sie. Sie berät sich mit den anderen an unserem Tisch, irgendwie schon ja, den fanden die meisten halt gut, ist ja auch nicht so wichtig, sagen sie. Am Ende einigen
wir uns darauf, dass ein bisschen mehr Transparenz bei politischen Entscheidung schon von Vorteil wäre, aber eine PKK-interne Debatte werden wir darüber wohl in nächster Zeit nicht anstoßen.

Der letzte Abend geht mit viel Wein aber weniger Halay zu Ende, dafür regnet es noch einmal wie aus Eimern, was vermutlich auch dazu beiträgt, dass die Lage auf der Straße eher ruhig bleibt. Am nächsten Tag wird in der Innenstadt noch das überschüssige Dekomaterial vom Festtag verkauft , ich nutze den Tag um mir die Stadt anzuschauen. Rund um das archäologische Museum werden einige alte Gebäude restauriert, die bis vor einigen Jahren von der türkischen Regierung genutzt wurden. In dem einen befand sich das Gericht, im anderen das Gefängnis und direkt neben dem Eingang des Innenhofes waren die Folterkeller. Dort wurden viele PKK Mitglieder zu Geständnissen gezwungen oder ermordet. Eigentlich sollte ein Tunnel von der Innenstadt zu dieser kleinen Anhöhe gebaut werden, um den Verkehr zu entlasten, aber da man beim Graben auf zu viele Leichen stieß, ließ man das Projekt dann bleiben.

Als ich am Abend am Flughafen sitze, um wieder nach Istanbul zurück zu fahren, frage ich mich, was die Zukunft für all diejenigen bringen wird, die sich stolz als Kurden bezeichnen und die fest davon überzeugt sind, bald schon in ihrem eigenen Land zu leben. Welchen Einfluss haben sie wirklich auf diesen sogenannten „Friedensprozess“, der hinter verschlossenen Türen in Ankara ausgehandelt wird? Wie wird sich die Bedrohung durch den Islamischen Staat entwickeln, wenn die türkischen Regierung zwar IS-Terroristen, aber keine Unterstützung für die kurdischen Selbstverteidigungskräfte über die Grenze lässt? Und wie würde eine kurdischer Staat tatsächlich aussehen? Oft an diesem Wochenende wurde mir versichert, natürlich sei dies ein marxistisch-leninistischer, keine Frage! Aber abgesehen davon, dass Sozialismus in einem Land kein funktionierendes Konzept ist, ist es meiner Meinung nach nur eine schöne Hoffnung, dass unter der aktuellen türkischen Regierung, den internationalen Konflikten in der Region und dem opportunistischen Volksfrontprojekt der HDP die Unabhängigkeit der Kurden und ein Staat erkämpft werden kann, in dem soziale Gerechtigkeit herrscht. Doch wer weiß, was das neue Jahr bringt… Newroz piroz be!

Anmerkung: Die Namen der Personen sind geändert.

Ein Artikel von Svenja Spunck, REVOLUTION Berlin

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