Filmkritik: Catastroika

Catastroika ist eine Low-Budget-Dokumentation des griechischen Regisseurs Aris Chatzistefanou (Debtocracy ) und behandelt die Auswirkungen der neoliberalen Politik, an aktuellen Beispielen wie Griechenland oder Italien und bringt sie in den historischen Kontext mit Ländern, an denen dieses Konzept bereits desaströs Anwendung fand.

Manche mögen nun denken, dass der im Frühjahr 2012 erschienen Film, doch bereits ein alter Hut sei. Ganz im Gegenteil jedoch besitzt diese Thematik noch immer, dramatische Aktualität, da die grundlegende Situation die gleiche geblieben ist.

Das immer wiederkehrende Hauptthema des Films sind die seitens des IWF, EZB, der führenden Gläubigerländer wie Deutschland und Frankreich, sowie beteiligter Großbanken, auferlegten Sparmaßnahmen für Griechenland und der damit verbundenen systematischen Zerstörung des öffentlichen Besitzes. Verglichen mit der Massenprivatisierung die während des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der DDR stattfand, wird dargelegt, wie ohne jedes Zutun der Öffentlichkeit, der Besitz an Infrastruktur und Produktionsunternehmen verschachert wird. Bestechung von sogenannten „Treuhand-Gesellschaften“ oder Politikern sind dabei ein gängiges Mittel. Der Besitz an Boden, Anlagen oder Immobilien wechselt zu Schleuderpreisen den Besitzer, das Geld wird sogar durch Weiterverkauf aus den Gütern selbst geholt.

Die aus der Privatisierungs-, Deregulierungs- und Sozialkürzungswelle enstandenen Konsequenzen sind immens und lassen auch keine Besserung erwarten. Massenarbeitslosigkeit, Armut, Prostitution und Kriminalität sind die direkten Folgen, unter denen die Bevölkerung zu leiden hat. Die Dokumentation arbeitet dabei besonders auffällige Wirtschaftsbereiche ab, die auch im Zentrum der griechischen Politik stehen. Verglichen mit der Privatisierung der britischen Eisenbahn, der Pariser und der italienischen Wasserversorgung, des Stromversorgung in Kalifornien – also ein Rundumschlag gegen den öffentlichen Sektor. Die Folgen sind identisch: Preisanstieg um mehrere hundert Prozent, Verschlechterung der Versorgung und Qualität und massenhafter Verlust von Arbeitsplätzen.

Demokratische Vorgänge wie gewählte Regierung oder Volksentscheide werden dabei umgangen. Mittels Propaganda-Kampagnen der Medien schürt man Stimmungen in der Bevölkerung oder „schafft“ erst noch Probleme, wo keine sind. Die Gewinne werden selbstverständlich ebenfalls Privatisiert, die Milliardenschulden verstaatlicht – von den generationenlang aufzubringenden Reparationskosten für die heruntergewirtschafteten, überlebenswichtigen Bereiche ganz zu schweigen.

Der Film führt den Zuschauer*innen erschreckend klar die Auswirkungen der durch die Medien sonst verklärten Politik des Neoliberalismus vor Augen. Eine direkte Schlussfolgerung, wie eine politische Antwort der Bevölkerung darauf auszusehen hat oder wie gezielt der Protest zu organisieren ist, wird nicht präsentiert. Doch dies ist auch gar nicht die Absicht des Films. Die Konsequenzen die man daraus zu ziehen hat, werden dem Beobachter selbst überlassen.

Trotz des „niedrigen“ Budgets von 25.000 Euro wird eine extrem intensive Atmosphäre, durch ausgewählte Film- und Fernsehausschnitte erzeugt, eingestreute Interviews und einer gekonnten musikalischen Untermalung. Auch bekannte Personen wie Slavoj Zizek , Naomi Klein , Ken Loach oder Greg Palast kommen zu Wort. Catastroika ist dabei komplett von Spenden finanziert worden. Im Internet ist er kostenlos zu finden und dank der hohen Auflösung, auch zur öffentlichen Ausstrahlung gedacht.

Man merkt dem Machwerk an, dass es dabei nicht um eine arrogant-überhebliche Betrachtung des Geschehenen geht, sondern um das Informieren breiter Massen der Gesellschaft. Die Dokumentation will Aufmerksamkeit schaffen, wo noch keine ist und dem Betrachter vor Augen führen, dass der Widerstand der Bevölkerung das einzige Mittel ist, auf diese Angriffe zu reagieren. Ein entscheidender Punkt wird dabei jedoch außen vor gelassen: Die Rolle des bürgerlichen Parlamentarismus. Es wird keinerlei Aussage darüber getroffen, ob diese Probleme innerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Politiksystems lösbar sind oder nicht. Die Verstrickung der politischen Vertreter kommt zwar zur Sprache, die Systematik dieser Zusammenarbeit wird aber nicht beleuchtet.

So ist das Schlusswort: „Die Antwort auf Privatisierung kann dennoch nicht sein, die Rückkehr zu einer Situation, die uns dahin brachte, wo wir jetzt stehen. Das Ziel heißt Kontrolle des öffentlichen Eigentums durch die, die es geschaffen haben: die Werktätigen.“, zwar einerseits eine Kampfansage an die bestehenden Verhältnisse, kann in seiner Konsequenz aber sehr weit interpretiert werden. Die Überlegung, was das probate Mittel ist die Allianz aus Kapital und Politik zu zerschlagen, ist aufseiten des Publikums.

Ein Artikel von Balthasar Luchs, REVOLTUION Freiburg

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