Kommunist_Innen gucken Netflix: Élite

In unserer Serie „Kommunist_Innen gucken Netflix“ diskutieren wir aktuelle Filme und Serien aus kommunitsischer Perspektive. Im aktuellen Teil beschäftigen wir uns mit der Netflix-Serie Élite.

Yuna Hibbelig

„Wenn drei Teenager der Arbeiterklasse eine exklusive Privatschule in Spanien besuchen, führt der Konflikt zwischen ihnen und den wohlhabenden Schülern zu Mord.“ So wird die spanische Serie ,,Élite“ auf Netflix beworben. Das ist uns natürlich sofort ins Auge gefallen. In der Serie dreht sich alles um die elitäre, spanische Privatschule ,,Las Encinas“, an der sich die reichen Kinder der Stadtelite aufhalten (daher kommt auch der Name der Serie). Da die weniger elitäre Schule für die ärmere Bevölkerung ,,San Esteban“ aufgrund der Sparmaßnahmen der Investor*innen im Brandschutz abgebrannt ist, haben drei Schüler*innen als Ausgleich oder besser gesagt zur Imageaufbesserung der Versicherungsfirma Stipendien für ,,Las Encinas“ bekommen – Samuel, Nadia und Christian. Diese drei Jugendlichen sind die besagten „Teenager aus der Arbeiterklasse“. In den ersten zwei Staffeln wird der Mord an einer Mitschülerin behandelt, was dazu geführt hat und wer der*die Täter*in ist – aber das wollen wir euch nicht spoilern. In der dritten Staffel wird dann mit dem*der Täter*in und dessen ausbleibender Strafe umgegangen. Dazu gehören natürlich auch noch viele Romanzen, Intrigen und natürlich ganz viel Drama!

Die anderen Schüler*innen von ,,Las Encinas“ begegnen den Schüler*innen aus der Unterschicht gegenüber sehr feindlich und grenzen sie stark aus. Im Unterricht und während fast jedem Dialog werden dadurch auf die Klassenunterschiede aufmerksam gemacht: So betonen die elitären und reicheren Schüler*innen oft das andere Verhalten und den anderen Stil der neuen Schüler*innen, sagen ihnen nach, weniger zivilisiert oder dümmer zu sein und als einziges Ziel zu haben, ihnen ihr liebes Geld zu stehlen. Nadia wird außerdem für ihre Religion negativ angefeindet. Sie ist Muslima und trägt ein Kopftuch. So wird auf die verschiedenen Aspekte elitärer Haltungen, auf die immer präsente Schere zwischen arm und reich und die offen bestehenden Unterschiede aufmerksam gemacht und diese den Zuschauenden vor Augen geführt werden. Grundsätzlich bleibt es bis zum Ende der Serie ein Trend, die prekären und erschwerten Bedingungen in- und außerhalb der Schule für Samuel, Nadia und Christian hervorzuheben.

Arbeiter*Innenklasse oder Unterschicht?

Wenngleich Netflix die ökonomischen Umstände von Nadia, Samuel und Christian als Arbeiter*Innenklasse beschreibt, scheint das keine sehr ausführliche Auseinandersetzung mit den Klassenunterschieden zu sein. Über Christians Klassenhintergrund erfahren wir erstmal keine weiteren Details, nur dass er aus derselben maroden Schule wie Nadia und Samuel kommt. Samuels Mutter ist Arbeiterin (und teilweise ist sie auch arbeitslos), muss also ihre Arbeitskraft verkaufen, um das Überleben der Familie zu sichern. Auch Samuel und Nano (Samuels Bruder) müssen sehen, wie sie Geld verdienen können. Samuel arbeitet deswegen als Kellner, Pizzalieferant und später auch als Drogendealer, Nano beginnt gleich mit dem Drogenhandel. Diese Familie gehört also der Arbeiter*innenklasse an, da sie kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzt und kein Kapital, somit dem Zwang des Verkaufs der Ware Arbeitskraft unterlegen ist. Auch Nadias Familie wird als Teil der Arbeiter*innenklasse dargestellt. Jedoch ist das aus marxistischer Sicht nicht korrekt, denn ihre Eltern besitzen einen kleinen Laden. Mal abgesehen davon, dass das sehr klischeehaft für eine migrantische Familie ist, besitzen sie somit ihre Produktionsmittel. Sie sind also ein Teil des Kleinbürger*innentums. Natürlich müssen sie trotzdem schuften und sind keinesfalls reich, müssen sich also weiterhin selbst ausbeuten, da sie keine Angestellten haben. Aber aufgrund des Besitzes der Produktionsmittel sind sie nicht Teil der Arbeiter*Innenklasse. Natürlich kann auch das Kleinbürger*innentum Teil der Unterschicht sein und es kann jederzeit in die Arbeiter*innenklasse absteigen oder in die Kapitalisten*Innenklasse (die besitzende Klasse) aufsteigen. Wahrscheinlicher ist jedoch Ersteres. Insgesamt freuen wir uns natürlich, wenn eine populäre Seite wie Netflix den Klassenbegriff mit Serien popularisiert, aber wenn, dann sollten sie es richtig machen!

Die Schüler*innen der ,,Unterschicht“ versuchen sich wiederholt den anderen Schüler*innen anzupassen, indem sie auf die gleichen Partys gehen, sich den Ritualen anschließen und auch in der Schule anpassen. In der Schule wird außerdem viel Leistungsdruck und Konkurrenz dargestellt, denn die Schule hat ein besonderes Bewertungssystem, wodurch es nur eine beste Note in der Klasse geben kann (das ist sehr kompliziert, aber der wichtige Punkt für euch Leser*innen ist, dass es für viel Konkurrenz sorgt und, dass nicht jede/jeder bestehen kann) – also versuchen sich die Schüler*innen, vor allem Nadia, noch extremer als in einer normalen Schule außerhalb des Serien-Universums anzupassen und ihre gesamte Energie in die Schularbeit zu investieren. Aber nicht nur in Sachen Leistung, sondern auch in Sachen Aussehen und Verhalten, wie eben Partys, Alkohol und Sex, verändern Nadia, Samuel und Christian ihr Verhalten – Nadia, die streng gläubig ist, fängt an, ihr Kopftuch abzulegen und Alkohol zu trinken. Christian geht eine Beziehung ein, um finanziell davon zu profitieren. Samuel, der eigentlich sehr stark gegen Drogen ist, fängt an zu dealen, um seine Familie finanziell stützen zu können. Das drückt den Zwang aus, sich der Elite (!!) anzunähern und eben genauso wie sie zu sein. In diesem Verhalten werden Standards aus unserer heutigen Gesellschaft widergespiegelt, einer uns vorgegaukelten ,,perfekten Welt“ zu folgen und uns ihr um jeden Preis anpassen zu müssen, um zu dem 1%, den reichen Leuten, Models, Entrepreneuren und Erfindern, kurz, der Elite, dazuzugehören.

Auch hinsichtlich der Justiz kann noch einmal die Frage der Klasseunterschiede aufgemacht werden. Die arme Person, die verdächtigt wird, kommt sofort ins Gefängnis, während die reiche Person, welche verdächtigt wird, keine Konsequenz, weder hinsichtlich der Schule noch hinsichtlich des Staates, zu fürchten hat. Dass liegt daran, dass die Eltern dieser Person mit Korruption die Schulleitung bestechen können und sich um einen guten Rechtsbeistand kümmern. In der echten Welt findet man es auch immer wieder, dass aufgrund des Vermögens doch nicht jede*r vor dem Gesetz gleich ist.

Die Serie zehrt sehr von diesem interessanten Zusammenstoß der Lebenswelten zwischen Ober- und Unterschicht und das bekommt dadurch eine besondere Brisanz, dass das in der kapitalistischen Welt tatsächlich eher selten passiert, wenn es tatsächlich um die ganzen obersten Prozent geht und der Arbeiter*innenklasse, es sei denn, man ist nun mal angestellt. Man besucht unterschiedliche Schulen, hat unterschiedliche Hobbies, Werte, Sprache und Lebensstil gehen weit auseinander. Je weiter die Schere in den Vermögen auseinandergeht, desto weiter schotten sich auch die Lebenswelten voneinander ab.

Weitreichende Darstellung von Sexualität oder unterschwelliger Sexismus?

In unserer heutigen Welt wird auch der Umgang mit Sexualität und Geschlecht zum Glück immer offener. Und darin versucht die Serie natürlich auch, sich dem anzupassen. Vor allem unter den Männern gibt es einen sehr offenen Umgang, viele erforschen ihre Sexualität, sind homosexuell, bisexuell oder haben eine andere Sexualität neben Heterosexualität. Und diese Repräsentation ist echt gut, denn die meisten queeren, männlichen Beziehungen sind darin nicht exklusiv auf das Sexuelle fokussiert, sondern thematisieren auch emotionale Probleme. Das ist übrigens vor allem bei Männern cool, die dadurch nicht nur sexuell, sondern auch emotional und reflektiert dargestellt werden, was seltener vorkommt. Doch das große ABER… leider gibt es die gleiche Offenheit und Darstellung für die Frauen in der Serie nicht. Es gibt keine queeren Paare, die einzige LGBTQ* Repräsentation für Frauen ist, wenn Rebeca (ein Charakter der zweiten und dritten Staffel) sagt, dass sie Carla ,,heiß“ findet, woraufhin ihr Gesprächspartner sie freundlich darauf aufmerksam macht, dass alle Carla ,,heiß“ finden. Außerdem sind viele der heterosexuellen Beziehungen sehr auf Sexualität bezogen, Frauen werden als Sexobjekte dargestellt, die attraktiv sind und mit denen man Sex haben kann, tiefergehend sind diese Beziehungen aber kaum und auch ansonsten eher toxisch. Generell wirken dabei die meisten Frauen relativ eindimensional. Es gibt viele Charaktere, die zwar sympathisch aber etwas zickig, oder sympathisch, aber etwas verklemmt usw. sind. Es gibt also nicht besonders ausgearbeitete, weibliche Charaktere, hier gibt es kaum character development. Die meisten waren zwar doch irgendwie sympathisch, aber es war eben meistens leicht vorhersehbar, wie sich die weiblichen Charaktere als nächstes verhalten. Um ihnen aber etwas zugute zu lassen, war kein Charakter so sehr übertrieben, dass es komplett unmöglich war, sich echte Menschen, die so agieren, vorzustellen. Man kann meistens etwas Sympathisches finden oder sich in die Charaktere hineinversetzten und, obwohl es sich hauptsächlich um reiche, spießige Kinder handelt, sind die Rollen und Dialoge nicht komplett abwegig und unmöglich geschrieben.

Wie bei vielen anderen Serien auch, werden in Elite natürlich auch ein paar unrealistische Körperstandards aufgeworfen. So gibt es zwar was Hautfarbe angeht relativ viel Vielfalt, aber jeder einzelne Charakter sieht aus, als wäre er*sie einem Fashion Magazin entsprungen, mit dem ,,perfekten Sixpack“ und natürlich sind alle Frauen schlank und perfekt geschminkt. Bei einer anderen Netflix Serie namens „Stranger Things“ wurde das deutlich besser umgesetzt, hier werden Jugendliche auch von Jugendlichen und nicht von Erwachsenen gespielt, welche wie Topmodels aussehen. Eine vielfältige Besetzung auch hinsichtlich Schönheitsideale und Körperbilder ist ebenfalls wichtig um Zuschauer*Innen kein unrealistisches Bild zu vermitteln, was sie selber und ihr Selbstbild unter Druck setzt. Das gilt besonders für weibliche Personen.

Trigger Warnungen? Ja, bitte!

Um zurück zu einem etwas ernsterem Punkt zu kommen. In der Serie geht es vorwiegend um Mord. Dementsprechend gibt es auch ein paar sehr blutige oder morbide Szenen. Daneben werden Themen wie Krebserkrankungen, Depressionen, Drogenabhängigkeit (inklusive Überdosis und allem Drum und Dran) und sogar Suizid und sexuelle Belästigung angeschnitten. Während das wichtige und spannende Themen sind, die meistens ernst genommen und auch ernsthaft dargestellt werden, gibt es leider nirgendwo Trigger Warnungen, sodass einem diese Bilder und Gespräche vollkommen ohne Vorwarnung entgegenkommen und man sich schnell unwohl oder sogar getriggert fühlen kann. Das ist natürlich schade, denn es dürfte für einigen Zuschauer*innen echt unangenehm werden und wäre etwas fairer, ihnen damit positiv entgegenzukommen. Bei der Netflix Serie „13 Reasons Why“ wurden ebenfalls Trigger Warnungen (allerdings auch erst nach er Veröffentlichung und entsprechender Kritik) eingefügt. Das sollte bei Elite ebenfalls überdacht werden.

Fazit

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Serie auf jeden Fall sehr unterhaltsam ist und es spannend ist, die Intrigen nachzuverfolgen und bei den ganzen Dramen mitzufiebern. Positiv hervorgehoben werden muss auf jeden Fall der offene Umgang mit Sexualität und Sex an sich. Auch der Leistungsdruck an Schulen, und vor allem an solchen Privatschulen, wird sehr spannend behandelt. Die Darstellung der Spaltung zwischen Ober- und Unterschicht war für uns natürlich interessant und während Nadia, Samuel und Christian zwar nicht eine besonders akkurate Repräsentation der Arbeiter*innenklasse sind und Nadia auch nicht wirklich zur Arbeiter*innenklasse gehört, werden doch die Schwierigkeiten mit Geld und die offene Abgrenzung zur oberen Schicht sehr gut aufgezeigt. Leider fehlt bei manchen Frauen eine positivere Darstellung ihres Charakters, ihrer Persönlichkeit und ihres Verhaltens.

Als letztes fehlt aus unserer Sicht auch der kämpferische Aspekt. Denn die Problemlösungen in der Serie sind wiederholt selbstorientiert und nicht auf das Wohl aller gerichtet. Obwohl einige elitäre Charaktere sich ihrer Rolle bewusst sind und mit positivem Beispiel als selbsternannte Helden mit Wohltätigkeitsaktionen und Spenden- oder Benefizveranstaltungen voranschreiten, ändern sie nichts daran. Die Benefizveranstaltungen gelten auch eher der Imageaufbesserung, als wirklich eine Hilfe zu sein, was in einigen Dialogen und Gesprächen etwas angeschnitten wird. Leider ändern auch die Jugendlichen aus der Arbeiter*innenklasse nicht wirklich etwas an der Situation, außer sich um jeden Preis an die elitären Jugendlichen anpassen zu wollen. Gerade die erlebte Abfälligkeit und die himmelschreiende Ungerechtigkeit hätte sie dahingehend politisieren können, dass sie gegen das Klassensystem ankämpfen wollen. Trotz dessen bleibt die Serie sehenswertes, politisch angehauchtes Entertainment voll von Romanzen, Intrigen und Drama!

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