Prostitution abschaffen – aber wie?

Von Leonie Schmidt, Oktober 2023

Heute ist der internationale Tag gegen Prostitution, welcher von Prostitutionskritiker_Innen im Jahr 2022 eingeführt wurde, die sich für das nordische Modell aussprechen. Auch wir wollen die Prostitution abschaffen, da wir anerkennen, dass sie historisch mit der Klassengesellschaft und mit der Frauen – und Queerunterdrückung verwebt ist und in einer befreiten Gesellschaft sexuelle Befriedigung keine Ware sein darf. Jedoch halten wir nicht das nordische Modell für die Lösung, wie wir noch aufzeigen wollen.

Grund um in die Prostitution zu gehen: ökonomischer Druck

Erst einmal ist der Mythos von freiwilliger Prostitution ziemlicher Quatsch. Die meisten Personen, die der Prostitution nachgehen, verfügen nicht über andere Möglichkeiten des Gelderwerbs und werden aufgrund verschiedenster Barrieren in der Tätigkeit festgehalten. Zu diesen Barrieren gehören fehlende Sprachkenntnisse, Schulabschlüsse, Ausbildungen und natürlich auch ungeklärte Aufenthaltsstatus. Es mag sein, dass sie sich für diese Tätigkeit anstelle anderer prekärer Arbeiten im Niedriglohnsektor entschieden haben, aber Fakt ist: eine freie Entscheidung sieht anders aus.

Dass der ökonomische Druck eine große Rolle spielt, sieht man auch daran, dass mit Fabrikschließungen, Arbeitsplatzmangel sowie hoher Arbeitslosigkeit oft auch ein Zuwachs an Prostitution stattfindet wie zum Beispiel Studien in Thailand und im südlichen und östlichen Afrika nahelegen. Auch während der Covid-19-Pandemie stiegen die Zahlen von Creators auf Only-Fans massiv an, was zum einen durch Umstände bedingt wurde, die face-2-face Sexarbeit unmöglich machten, zum anderen aber auch mit der durch die Pandemie entstandenen hohen Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht wird.

Prostitution ist nicht wie jede Arbeit!

Es ist wichtig, verschiedene ökonomische Prozesse in der Prostitution zu betrachten, da nicht alle nach einheitlichem Muster verlaufen. Jedoch können sie grob in kleinbürgerliche Selbstständigkeit, lohnarbeitsähnliche Tätigkeit und in sklavenähnliche Verhältnisse eingeteilt werden, wobei diese Kategorien aber selten sehr trennscharf und in der Realität meist schwer zu verorten sind.

Als lohnarbeitsähnlich bezeichnen wir die Verhältnisse, bei welchen Prostituierte einen Lohn für ihre Tätigkeiten erhalten und Zuhälter sich einen Mehrwert einstreichen, sowie die Produktionsmittel (zum Beispiel Räumlichkeiten) besitzen. Das kann manchmal durch Mietzahlungen verschleiert werden. Es kann jedoch nicht mit jeder anderen Lohnarbeit gleichgesetzt werden, da direkter oder indirekter Zwang und ökonomischer Druck sowie Gewalt durch Freier und Zuhälter keine Seltenheit sind. Außerdem herrscht hier oft zusätzlich zu dem im Kapitalismus normalen Maß an Ausbeutung eine Überausbeutung der Prostituierten, da die Zuhälter besonders viel einstreichen, damit die Prostituierten noch mehr für sie arbeiten müssen und persönliche Grenzen schwer einzuhalten sind. So schreibt Marx, dass die Prostitution nur ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Prostitution der Arbeiter_Innen ist. Daher sprechen wir in diesem Fall von lohnarbeitsähnlichen Verhältnissen, während es sich bei Zwangsprostitution offensichtlich um sklavenähnliche Verhältnisse handelt, bei welchen der Körper zur Ware wird und z.B. durch den Entzug von Pässen ein deutlich stärkerer Zwang ausgeübt wird.

Die Funktion der Prostitution im Kapitalismus

Wichtig für unsere Analyse ist es, zu erkennen, dass die Prostitution spezifische Funktionen im Kapitalismus einnimmt. Einerseits hat die Prostitution die Funktion, im Rahmen der kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten dafür zu sorgen, dass die Möglichkeit besteht, sich einen Lebensunterhalt zu erwirtschaften, wenn es keine oder nur beschränkte Möglichkeiten für andere Erwerbstätigkeiten gibt. Das ist natürlich in keiner Weise als positiv zu betrachten (und muss auch geändert werden, aber dazu später mehr), soll jedoch aufzeigen, dass die Prostitution im Kapitalismus auch aus Sicht der Prostituierten eine ökonomische, und somit auch gesellschaftliche Funktion hat, da, wie bereits erwähnt, ein ökonomischer Druck besteht.

Außerdem bildet die Prostitution ein Gegenstück zur bürgerlichen Familie, wie auch schon Friedrich Engels und August Bebel erkannten: um die Monogamie der bürgerlichen Ehe für die Frauen aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass sie ihrer Geschlechterrolle entsprechend nur die braven Hausfrauen und Mütter sind, mit denen allenfalls zur Zeugung von Nachwuchs Geschlechtsverkehr praktiziert wird, braucht es für die Männer eine andere Möglichkeit, ihre Gelüste auszuleben. Somit besteht eine Aufteilung der Frauenrollen zwischen Ehefrau und Prostituierter, die auch schon in anderen Klassengesellschaften außer dem Kapitalismus wie z.B. dem antiken Griechenland bestanden. Somit verkommt der Sex innerhalb der bürgerlichen Familie zur reinen Reproduktion, während er in der Prostitution zur Ware verkommt. Die Funktion der bürgerlichen Familie bzw. des Ideals dessen ist die Aufrechterhaltung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, also dass Frauen zusätzlich zur Lohnarbeit noch in der Hausarbeit unentlohnt schuften müssen. Durch diese Reproduktionsarbeit sorgen sie dafür, dass die Arbeiter_Innen am nächsten Tag wieder ackern können und sich die Arbeiter_Innenklasse als Ganzes reproduziert, ohne dafür zahlen zu müssen. Das ist die Grundlage der Frauenunterdrückung. Prostitution ist also ein beständiger Teil des Kapitalismus und kann innerhalb dessen nicht überwunden werden.

Das nordische Modell hilft nicht

Das nordische Modell, so gut wie es mit seinen vier Säulen auf den ersten Blick klingen mag, ist leider wenig hilfreich für die Prostituierten selber. Die vier Säulen des nordischen Modells sind: Entkriminalisierung der Prostituierten, Kriminalisierung von Freiern, Zuhältern sowie Dritten, Unterstützung beim Ausstieg und Aufklärung der Gesellschaft, um ein Umdenken anzuregen. Jedoch zeigen diverse Studien, dass das nordische Modell die Prostituierten gefährdet und ihre Tätigkeiten unsicherer macht, es die Anzahl der Prostituierten gar nicht maßgeblich reduziert, dass die Ausstiegshilfen absolut unzureichend sind, um wirklich aufzuhören und des Weiteren, dass Polizeieinsätze um das nordische Modell durchzusetzen auch dazu führen, dass migrantische Prostituierte drangsaliert oder eben mal abgeschoben werden, anstatt Hilfe zu erhalten.

Außerdem stellt sich die Frage, warum auf einmal die Polizei ein Interesse haben sollte, Frauen und queere Personen vor Gewalt zu schützen. Die Funktion der Polizei im bürgerlichen Staat ist schließlich, die Eigentumsverhältnisse und die staatliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Dazu gehören auch Frauen- und Queerunterdrückung, sowie der Zwang zum Verkauf von Arbeitskraft und wie bereits erwähnt, die bürgerliche Familie.

Freier sind keine Genossen, Zuhälter gehören enteignet

Dass Freier sein und sich gegen Frauen- und Queerunterdrückung einzusetzen nicht zusammenpasst, dürfte klar sein. Man müsste schon stark alle Umstände ignorieren und sehr blauäugig an die Sache herangehen, um anzunehmen, dass man gleichzeitig für die Befreiung und Gleichberechtigung aller Geschlechter kämpft, während man potentiell Personen in Notlagen ausnutzt. Selbst wenn man der Meinung ist, rücksichtsvoll zu handeln und jemanden gefunden zu haben, der das Ganze freiwillig macht, so kann das System der Prostitution als solches nicht ignoriert werden. Jedoch ist der massenhafte Ansatz beim Freier nicht zielführend, da ihr sexistisches Bewusstsein von der aktuellen Realität beeinflusst wird. Es wäre also ein Kampf gegen Windmühlen, alle Freier davon zu überzeugen, dass sie ganz schön frauenfeindlich sind, anstelle die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.

Wem es aber eigentlich an den Kragen gehen sollte, sind ganz klar die Zuhälter! Sie verdienen sich immerhin die goldene Nase mit der Objektifizierung der Prostituierten und tun nichts, um sich ihren Lifestyle im Rotlicht-Milieu zu finanzieren, außer auf der faulen Haut zu liegen und auf körperliche Selbstbestimmung zu spucken. Sie sind es, die horrende Mietzahlung zur Nutzung ihrer Räumlichkeiten fordern und Prostituierte unter Druck setzen, sodass sie nicht aussteigen können. Schlimmstenfalls beteiligen sie sich auch noch an Menschenhandel und locken Frauen aus Osteuropa mit leeren Versprechungen nach Deutschland. Daher gehören sie ganz als ersten Schritt ganz unter Arbeiter_Innenkontrolle enteignet!

Kapitalismus und patriarchale Strukturen zerschlagen, Arbeitskampf organisieren!

Außerdem gilt es, sich für vollständige Entkriminalisierung einzusetzen. Des Weiteren muss ein Kampf für bessere Arbeitsbedingungen her. Das mag erstmal seltsam klingen, aber da es aufgrund der Verflechtungen mit Kapitalismus und Klassengesellschaft keine Möglichkeit gibt, die Prostitution im Kapitalismus vollständig zu überwinden, sollten wir uns wenigstens für Verbesserungen einsetzen. Dazu zählen z.B. volle Staatsbürger_Innenrechte für alle, Selbstverteidigungsstrukturen und der uneingeschränkte Zugang zur Gesundheitsversorgung. Um das zu erkämpfen, ist eine gewerkschaftliche Organisierung nötig.

Gleichzeitig müssen wir jedoch auch dafür sorgen, dass es andere Arbeitsmöglichkeiten gibt und kostenlose Umschulungen angeboten werden, sodass es allen möglich ist, nicht mehr in der Prostitution tätig sein zu müssen.

Schließlich müssen wir das System, was den ökonomischen Druck und die bürgerliche Familie hervorbringt, zerschlagen. Das schaffen wir nur mit einer breit organisierten Arbeiter_Innenklasse, Frauen, queeren Personen zusammen mit weiteren sozial Unterdrückten.

In einer befreiten Gesellschaft darf niemand der Prostitution nachkommen müssen!

Ein längere Text zum Thema nordisches Modell: https://onesolutionrevolution.de/5-gruende-warum-wir-als-marxist_innen-gegen-das-nordische-modell-sind/

Quellen

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