Say their names: Shukri Abdi!

Resa Ludivine

Kennst du eigentlich Shukri Abdi?

Nein? Du solltest aber ihren Namen kennen. Shukri Abdi aus Somalia war gerade mal zwölf Jahre alt, als sie starb. Als schwarze Muslima hatte sie es nicht leicht. Erst musste sie fliehen und dann in England, vermeintlich in Sicherheit, wurden ihr ihre Mitschüler_Innen zum Verhängnis. “Get in the water or I’ll kill you” haben ihr Mitschüler_Innen gesagt, die sie zuvor gemobbt hatten. Fünf gegen Eine. Shukri ertrank im Fluss.

Vor Gericht sagten die anderen Kinder aus, dass Shukri um Hilfe geschrien hatte. Nur ein Kind versuchte, ihr zu helfen. Die anderen Kinder sahen es auch nicht für notwendig an, Hilfe zu holen. Eines der Kinder soll sogar zugegeben haben, dass es beim Anblick von Shukris Kampf mit dem Wasser wusste, dass sie sterben würde.

Ein tragischer Einzelfall also? Rassistisches, aber auch antisemitisches Mobbing oder Mobbing aufgrund deiner sexuellen Identität gehören nicht nur in Shukris Fall, sondern wahrscheinlich an jeder Schule zur Tagesordnung. Die Kinder und Jugendlichen versuchen zumeist zu verstecken, wofür sie diskriminiert werden. Kommt es dennoch zu Mobbingvorfällen, Hänseleien oder Beleidigungen durch Mitschüler_Innen oder das Lehrpersonal ist der letzte Ausweg oft der Schulwechsel. Aber als nicht-weiße Person kannst du dich in einer Umgebung, die vor allem weiß dominiert ist, wie in Deutschland, England oder den USA, nicht verstecken.

Die Polizei sprach nach dem Ertrinken von Shukri von „keinen verdächtigen Umständen“, die zu ihrem Tod geführt hätten. So schützt die Polizei nicht nur Jeden vor dem Verdacht des Mobbings (was an sich schon schlimm genug und viel zu oft klein geredet wird), sondern auch Jeden vor dem Vorwurf des Rassismus. Denn hätte man Mobbing oder Diskriminierung ernstgenommen, wäre Shukri wohl heute noch am Leben. Doch hält man es allzu oft nur für eine Kleinigkeit, eine Kleinigkeit unter Kindern, ein paar „kleine“ Witze, eine „kleine“ Beleidigung.

Schaut man sich die Zahlen der letzten Jahre (am Beispiel Berlin) an, sieht man, dass die meisten dokumentierten Vorfälle von Diskriminierung – auf der Straße und in der Schule – rassistisch motiviert sind. Im Schuljahr 2016/17 waren es 106 von 170 Vorfällen, die bei offiziellen Stellen eingegangen sind. Doch ist die Dunkelziffer, gerade bei abgeschlossenen Räumen im persönlichen Sozialraum, in dem auch noch Hierarchien (bspw. Lehrer_In- Schüler_In) vorhanden sind, bekanntermaßen größer. Allerdings macht das Nichtvorhandensein dieser Zahlen das Problem und die Bedrohung, die von Rassismus ausgeht, nicht weniger real. Wie real, wurde 2018, bei einem Besuch einer Schule, in der es rassistische Vorfälle unter der Lehrer_Innenschaft gab, durch die schwarze Anti-Diskriminierungsbeauftragte Saraya Gomis demonstriert. Saraya wurde bei ihrer Intervention rassistisch diskriminiert bis dahin, dass eine Lehrerin zum „Protest“ eine Affenmaske trug. Mittlerweile ist sie von ihrem Amt zurückgetreten. In diesem Umfeld sollen also Kinder Antirassismus, sowie Antidiskriminierung leben und lernen?

Am 27.6.2019 endete das kurze Leben von Shukri Abdi. Erst ein Jahr später, da nun die Proteste für die Gleichberechtigung schwarzen Lebens Millionen Menschen weltweit auf die Straße treiben, werden auch Stimmen in der Lokalpolitik lauter, die eine weitreichendere Untersuchung zur Aufklärung des Todes fordern.

Das war auch kein tragischer Einzelfall, sondern Alltag.

Shukri ist eine von Tausenden. Unsichtbar. Nicht so brisant wie Polizeigewalt, weil dort das Machtgefälle offensichtlicher verteilt scheint und es offensichtlich der bürgerliche Staat ist, der seine Machtposition ausnutzt. Doch Rassismus ist ein System, das schon in Kindertagen anfängt. Nicht weil Kinder von Geburt an rassistisch wären, sondern weil eine zunehmend rassistische Gesellschaft von Anfang an Diskriminierung vorlebt und weißen Privilegien kein Alter nennt. Diese Privilegien bestimmen schon vor der Geburt den Zugang zu Krankenversorgung, Behandlung durch das medizinische Personal, später dann die Aufnahme in Schulen usw. Sich dessen bewusst zu werden, ist zwar ein erster Schritt, bringt den Betroffenen dennoch nichts. Zu dem Vorsatz „kein Täter werden“ gehört nämlich auch Solidarität. Solidarität kann man lernen und hätte Shukri im Todeskampf wohl auch geholfen. Eine vollständige Gleichberechtigung kann es nicht allein durch das Bewusstwerden weißer Privilegien hergestellt werden. Wir müssen diese Privilegien abschaffen und auf den Müllhaufen der Geschichte deponieren, sowie das System, das hinter dem Rassismus steckt, bekämpfen. Denn es sind nicht nur rassistische Positionen und Einzelpersonen, sondern es ist ein System. Ein System, das auf Abhängigkeit beruht- so z.B. zwischen imperialistischen Nationen und Halbkolonien. Im Kapitalismus wird es keine Lösung für dieses Problem geben. Die Devise ist also: Kein Antirassismus ohne Sozialismus und kein Sozialismus ohne Antirassismus!

Das war die Geschichte von Shukri Abdi. Rest in power.

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