Wovor schützt eigentlich der Jugendschutz?

Von Flo Schwerdtfeger

Das fragt man sich nachts, wenn man beim Fernsehen gekonnt die Warnung „Dieser Film ist für Zuschauer_Innen unter 16 Jahren nicht geeignet“ ignoriert oder sich im Internet einen Geburtstag in den 70ern erfindet.

Zumindest was die indirekte Kontrolle des Jugendschutzes angeht, sind die Jugendlichen meist schlauer als der Mechanismus, der sie schützen soll. Schwieriger wird es da, Schnaps zu kaufen mit dem extra unrasierten Gesicht, um älter zu wirken. Natürlich sofern die Person an der Kasse keine Brille trägt.

All das regelt in Deutschland der Jugendschutz: die Abgabe von Alkohol und Tabak, der Zugang zu Filmen, Spielen oder Gaststätten. Doch jede/r, der/die schonmal jugendlich war, weiß, dass man bei Bedarf trotzdem an alles rankommt. Warum sollten wir dennoch darüber reden und wie kann er sinnvoller gestaltet werden?

Denn an sich kann man erstmal die Intention des Jugendschutzes nachvollziehen. Es gibt einige Bereiche, in denen es einen ziemlich eindeutigen Zusammenhang zwischen Alter und Schädlichkeit gibt. Beispiele sind da Tabak und Alkohol, bei denen es direkt an die biologische Entwicklung des Menschen gekoppelt ist. Man soll eben seinen Körper während der Entwicklung nicht kaputt machen. Darauf erst einmal einen guten Schluck Cola!

Im Gegensatz dazu stehen Filme und Videospiele. Diese schaden weniger der Körperentwicklung, können sich dafür aber auf die Psyche auswirken. Egal ob die Betroffenen nicht mehr einschlafen können oder es einfach ohne Probleme an ihnen vorbeigeht – es macht erstmal Sinn, nicht die derbsten Splatter-Filme mit 11 anzuschauen.

Wo hakt’s am momentanen Jugendschutz?

Eines der größten Probleme ist, dass er holzschnittartig funktioniert: Er richtet sich nicht an den/die Konsument_In als Individuum. Das ist bei Filmen und Spielen schwer zu verstehen. Es gelten ja die gewöhnlichen Abstufungen von 0, 6, 12, 16 und 18 Jahren. Besonders aber mit der eigenen Entwicklung kann man selbst besser einschätzen, was man konsumieren möchte, ohne davon verstört zu werden. Wer kennt nicht den Versuch, die Eltern zu überreden, diesen einen Film oder das eine Game zu kaufen, obwohl man noch gar nicht alt genug ist. Im Zweifelsfall macht man es dann halt einfach geheim. Doch Verbote verhindern es zusätzlich, sich beispielsweise mit den Eltern darüber zu unterhalten, weil man damit zugeben würde, etwas Verbotenes getan zu haben. Falls es einen doch überfordert, hat man also keinen Support und zur Verstörung gesellen sich noch Scham, Angst und Entfremdung.

Interessanterweise hat der Kapitalismus bei anderen Sachen gar nicht so ein großes Problem, Jugendliche zu schädigen. Wenn es zum Beispiels um’s Arbeitsrecht geht, gibt es tatsächlich zu wenig Jugendschutz: Schutz nämlich vor Ausbeutung, wenn man in Ausbildung, Praktikum, FSJ und generell unter 18 keinen Mindestlohn bekommt und für den arschigen Chef die Drecksarbeit machen muss. Das kann einem mehr zu schaffen machen als der krankeste Shooter. Und ironischerweise darf man bei der Bundeswehr schon mit 17 Schießen lernen, bei Call of Duty Schießenspielen gibt’s erst ab 18!

Wie könnte man es besser machen?

Jugendschutz scheint einen richtigen Punkt zu haben. Erstmal sollte das zuständige Gremium verändert werden. Es besteht derzeit aus Vertreter_Innen von Kunst, Kultur und Medien, aber auch mehreren Religionsvertreter_Innen. Unterrepräsentiert sind dabei Jugendliche selbst, die nur indirekt über die Kategorien der öffentlichen oder freien Jugendhilfe dabei sind. Wenn man aber über Jugendschutz bestimmen möchte, dann nur mit Jugendlichen gemeinsam. Alles andere endet nur in den weltfremden und konservativen Regeln, die wir jetzt haben.
Nur weil ein Alter draufsteht, heißt es nicht, dass es für alle darunter total schlimm ist und für alle darüber total unproblematisch. Und ohnehin nehmen die meisten Jugendliche das höchstens als gutgemeinten Rat. Dementsprechend müssten die festen Altersgrenzen abgeschafft werden oder zumindest stark zurückgeschnitten werden. Beim Rest bräuchte es Eigenverantwortung und die Befähigung dazu. Das bedeutet auch, zu wissen, worauf man sich einlässt, also primär Aufklärung fernab der Dämonisierung. Es kann aber auch heißen, das Konzept der „Trigger-Warnung“ massiv auszuweiten, welches vor dem Zugriff auf ein Medium spezifische Aspekte mit Zeitstempel benennt, die potenziell (re-)traumatisierend sein könnten. Je nachdem, ob man sich der Sache gewachsen fühlt, kann man sich dann selbst entscheiden.

Ob mit oder ohne Verbote kann es passieren, dass man sich etwas gibt, was man nicht erträgt oder einordnen kann. Sich Support zu suchen oder Support anzubieten, ist da die eigentliche Lösung, anstatt zu tabuisieren. Wenn man als Erwachsener für Kinder und Jugendliche verantwortlich ist, sollte man sowohl bezüglich deren psychischer Verfassung als auch der konsumierten Medien achtsam und offen bleiben und beim Finden von Grenzen beistehen.

Der Jugendschutz sollte vollkommen neu gedacht und gemacht werden. Er setzt bislang vor allem auf Bevormundung und Verbote, statt auf Eigenverantwortung der Konsument_Innen. Das soll ein Ende haben!

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